4. März 2021 – Alles

OFFENER BRIEF VON 46 NGOs AN PAPST FRANZISKUS

Morgen tritt seine Exzellenz Papst Franziskus eine 3-tägige Pilgerreise in den Irak an. Es ist der allererste Besuch eines christlichen Oberhauptes in das von Krisen geschüttelte Land. Neben der Hauptstadt Bagdad wird die päpstliche Delegation in Nadschaf im Südirak, sowie in die im kurdischen Autonomiegebiet liegenden Ortschaften Mossul, Karakosch und Erbil haltmachen. Auch eine Reise nach Ur ist geplant, die als Heimatstadt des Propheten Abraham gilt. Hier wird Franziskus mit Christen, Jesiden, Juden und Muslimen zu einem interreligiösen Gebet zusammen kommen. In Nadschaf wird er auf den Groß-Ajatollah Ali al Sistani treffen, den einflussreichsten Geistlichen der schiitischen Muslime im Irak.

Papst Franziskus empfängt Baba Shekh, das im letzten Jahr verstorbene geistliche Oberhaupt der Jesiden, in Rom 2015.

Die Reise soll der interreligiösen Verständigung dienen und könnte helfen, die tiefen Gräben zwischen den ethnisch-religiösen Minderheiten (christliche Assyrer, Armenier, Jesiden, Kurden Schabak, Mandäer, um nur einige zu nennen) aber auch zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen im Land zu überwinden und ein friedliches Miteinander zu sichern.
Eine Vision, der wir uns ebenfalls verpflichtet fühlen und mit unseren multi-ethnischen und multi-religiösen Projekten in Irak und Deutschland verwirklichen wollen!

Über Jahrhunderte gewachsene Nachbarschaften und Beziehungen unter den verschiedenen religiösen Gruppen in Irak wurden zerrissen sowohl durch die jahrzentelange Herrschaft des Baath-Regimes, als auch durch die Auswirkungen der US-Intervention zum Sturz des Regimes, sowie durch die Eroberungsfeldzüge des so genannten „Islamischen Staates“ in den letzten Jahren. Die Terrormiliz hat vor allem die Nineveh-Ebene des Irak  – die von vielen Menschen bewohnt wurde, die zu den weiter oben bereits erwähnten Minderheiten zählen – mit einer beispiellosen Welle der Gewalt überzogen.
Viele Menschen sahen sich dazu gezwungen, ihre Städte und Dörfer fluchtartig zu verlassen oder wurden gar von den Jihadisten entführt. So werden derzeit noch über 2.800 jesidische Frauen vermisst. Zudem verharren über 200.000 Jesid*innen in den schlecht ausgestatteten irakischen Camps für Binnenvertriebene – ohne eine langfristige Perspektive. Auch die Zukunft der christlichen Gemeinden im Irak sehen Beobachter mit Besorgnis: Von den vormals 1.5 Millionen Christen im Land leben heute nur noch etwa 500.000 im Land.

Die Ankunft Papst Franziskus’ wird vor Ort mit Spannung erwartet. Das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche im Irak Louis Raphaël I Sako sagte im Vorfeld zur Reise: „Der Papst kommt für alle.“

Wir begrüßen die Reise des Papstes und seiner Delegation als wichtiges Zeichen zur interreligiösen und universellen Verständigung! Anlässlich dieses wichtigen Ereignisses wenden wir uns gemeinsam mit 45 weiteren Organisationen, mit einem offenen Brief an seine Exzellenz Papst Franziskus. Das Schreiben enthält unter anderem sechs Handlungsvorschläge, die an die religiösen Oberhäupter im Irak, die kurdische wie irakische Zentralregierung und die internationale Staatengemeinschaft adressiert sind.

Baba Shekh, jesidische Geistliche und die HÁWAR.help-Gründerinnen Düzen und Tezcan Tekkal bei einem Besuch in Irak