19. Januar 2021 – 

VON MENSCHENRECHTEN ZU WELTRECHTEN

8 Uhr, an einem Montag im Dezember. Die Schulen sind aufgrund der hohen COVID-19 Fallzahlen geschlossen. Für die Schüler:innen der Freien Waldorfschule Leipzig beginnt die Woche mit einem außergewöhnlichen Programmpunkt. Sie sitzen vor ihrem Smartphone, Tablet oder Laptop und schalten sich dem heutigen SCHOOL TALK digital zu. An diesem frühen Morgen setzten sich die Schüler:innen mit Unterrichtsstoff auseinander, der es in sich hat: Völkermord, Menschenrechte und Flucht.

Einen Einstieg bietet der Dokumentarfilm „HÁWAR – Meine Reise in den Genozid“. Ausgehend davon gehen die Schüler:innen gemeinsam mit dem Völkerrechtler Dr. Alexander Schwarz in einen intensiven Dialog über die Inhalte des Films. Der Film bringt bei den Schüler:innen ambivalente Gefühle hervor: Wut, Betroffenheit, aber auch Enttäuschung und Hilflosigkeit: „Wenn man die Nachrichten guckt, kriegt man nur diese Peaks mit. Die Hintergründe, beziehungsweise, was kommt, nachdem geflüchtete Menschen in Deutschland ankommen, das wird nicht weiter erklärt.“

Alexander Schwarz greift die empfundene Wut und Hilflosigkeit der Schüler:innen auf. „Was wir immer machen können, ist, dass wir hier vor Ort in Deutschland etwas für die Überlebenden tun. In Deutschland lebt die größte Diasporagemeinschaft der Jesiden weltweit. Die Jesiden erfahren auch hier massive Formen von Diskriminierung, beispielsweise aufgrund ihrer schriftlosen Religion, die auf mündlicher Überlieferung fußt. Das macht diese Gruppe besonders verletzlich. Denn wenn die Menschen getötet werden, die in der Lage sind, jahrhundertealte Geschichte weiterzugeben, dann stirbt diese Geschichte, dann stirbt ein Teil ihrer Identität. Deswegen ist es so wichtig, Diskriminierung, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit jeden Tag zu bekämpfen. Denn nur so können wir erreichen, dass sich diese Menschen hier zu Hause fühlen.“

Zum anderen machte er darauf aufmerksam, dass die Gerichtsbarkeit in Deutschland bei schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit aktiv wird und Handlungsfähigkeit beweist – auch wenn die Straftaten nicht in Deutschland begangen wurden. Am Oberlandesgericht Frankfurt wir momentan der weltweit erste Prozess geführt, bei dem der Strafbestand des Genozids an den Jesid:innen mitverhandelt wird. Alexander Schwarz dazu: „Für mich gibt es so etwas wie Weltrechte. Rechte, die es weltweit zu verteidigen gilt. Rechte, die so elementar sind, dass man unabhängig vom kulturellen Kontext sagen kann: Wenn solche Verbrechen begangen werden, dann werden sie an allen Menschen begangen.“

Abschließend gab Alexander Schwarz den SchülerInnen noch eines mit auf den Weg: „Egal, was ihr in der Zukunft macht: Tut das, was ihr wirklich mit Leidenschaft tut. Versucht Dinge zu finden, für die es sich in euren Augen zu kämpfen lohnt. Das gibt jeden Tag Kraft für Neues.“ Mit diesen Worten wichen die anfangs empfundenen Gefühle neuen: Hoffnung und Tatendrang. „Auch wenn wir diesen Menschen nicht direkt helfen können, können wir darauf aufmerksam machen. Es teilen im Internet, auf Social Media, Diskussionen anregen mit Menschen, die wir kennen,“ warf eine Schülerin in den Dialog ein, „Desto mehr Menschen informiert sind, umso mehr wollen helfen.“

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